«Wie wichtig mir meine Brüste sind, hat mich selbst überrascht»

Tag für Tag begleiten wir Frauen einfühlsam durch die herausfordernde Zeit einer Brustkrebsdiagnose und darüber hinaus. Eine dieser berührenden Geschichten ist jene von Mira Klein. Nach einer einschneidenden Diagnose und persönlichen Tiefpunkten fand sie mit der Unterstützung des interdisziplinären Teams des Brustzentrums Zürich und Affidea Plastic Surgery Group neue Kraft und Perspektive für ihren weiteren Lebensweg.
Ihre Erfahrung zeigt eindrücklich, wie wichtig eine umfassende, ganzheitliche Betreuung ist, die sowohl medizinische als auch emotionale Aspekte berücksichtigt.

Der Brustkrebs ist weg, aber der Kampf nicht vorbei: Auf dem Weg zurück ins Leben braucht es Psychologinnen, Schönheitschirurgie und Tätowierer, wie das Beispiel von Mira Klein zeigt.
Man muss Mira Klein wohl als positive Person bezeichnen. Ihre Sätze beginnt sie häufig mit Formulierungen wie «Zum Glück …». Oder: «Das Gute war…»
Man würde es ihr nachsehen, wenn sie weniger gnädig auf ihre Geschichte blickte. Vor zweieinhalb Jahren bekam Mira Klein die Diagnose Brustkrebs. Sie verlor ihre Gesundheit, eine Brust, ihre Haare. Gleichzeitig ging ihre Ehe in die Brüche und ihr Job wurde ihr gekündigt. Doch sie hat überlebt. Die Ärztinnen konnten ihr eine neue Brust geben. Und Klein hat Menschen gefunden, die ihr helfen, mit all den Schicksalsschlägen umzugehen. «Zum Glück.»
Die 47-Jährige hat sich entschieden, über das Erlebte zu sprechen. Um anderen Betroffenen Mut zu machen. Und um zu zeigen, wie wichtig Angebote sind, die Krebspatientinnen nach der Erkrankung auffangen.
Die Diagnose
Als Mira Klein Anfang 2022 einen Knoten in ihrer Brust tastet, macht sie sich zunächst keine grossen Sorgen. Zur Sicherheit vereinbart sie einen Termin bei der Frauenärztin, diese schickt sie weiter zu einer Spezialistin. Bald wird klar: Es handelt sich um einen Tumor.
Zunächst geht man davon aus, dass er die Grösse eines Zweifränklers hat. Dann ist von einem Fünfliber die Rede. Und schliesslich zeigt sich: Es handelt sich um einen Krebs mit mehreren Zentren, der bereits die ganze Brust befallen hat. «Nach der Biopsie stand ich zitternd vor der Praxis und rief meine damalige Frau an», erinnert sich Klein. «Ich sagte ihr: Du musst mich abholen, ich schaffe das nicht allein.»
Die Behandlung beginnt rasch: Chemotherapie von März bis August, die Nebenwirkungen sind happig. Klein, die früher regelmässig Halbmarathon lief, kommt an manchen Tagen kaum mehr aus dem Bett.
Schwindel und Übelkeit machen ihr das Leben schwer. Sie spürt, wie ihre Haut immer empfindlicher auf Sonnenlicht reagiert. Die Augen sind trocken, das Zahnfleisch geht zurück, der Darm ist träge, die Gelenke schmerzen, die Finger fühlen sich taub an. Die Nägel werden brüchig und dünn. Und eben: Die Haare fallen aus.
Symbole der Weiblichkeit
Mira Klein erzählt ihre Geschichte bei einem Treffen in Zürich, es ist ein schöner Sommertag. Sie ist sportlich gekleidet, inzwischen sind die Haare wieder nachgewachsen. Klein trägt sie an der Seite kurz geschoren, einige Stoppeln glitzern silbern in der Sonne. Oben sind die Haare schon wieder etwas länger, ein Gummi hält sie am Hinterkopf zusammen.
Man lerne in einer solchen Extremsituation viel über sich selbst, erzählt die gebürtige Deutsche. «Ich merkte, dass ich mit dem Verlust der Haare umgehen kann.» Gleichzeitig sei ihr klar geworden, dass sie in Zukunft nicht nur mit einer Brust leben will.
Vor ihrer Erkrankung betrachtete Klein das Thema Schönheitschirurgie mit Argwohn. «Schlimm» habe sie es gefunden, als sich ihre Nichte die Brüste vergrössern liess. «Doch dann war ich krank. Und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde für mich, dass ich zwei Brüste haben möchte, wenn ich wieder gesund bin. Es hat mich selbst überrascht, wie wichtig mir meine Brüste sind.»
Platzhalter in der Brust
Jährlich erkranken in der Schweiz rund 6500 Frauen an Brustkrebs. Die Überlebensrate ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Knapp neun von zehn Betroffenen sind fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben.
Constanze Elfgen ist Leitende Ärztin am Brustzentrum in Zürich. Sie sagt: «In der Schweiz, wo die Möglichkeiten und Ressourcen vorhanden sind, entscheidet sich die ganz grosse Mehrheit der Patientinnen für eine Rekonstruktion.» Für viele Frauen sei die Brust ein Symbol für Weiblichkeit. «Der Verlust setzt ihnen psychologisch massiv zu. Dies hat natürlich auch viel mit gesellschaftlichen Vorstellungen zu tun.»
Doktor Elfgen ist es, die Mira Klein im Spätsommer 2022 die Brust entfernt. Weil der Tumor zu gross ist, um die Brust zu erhalten, entnimmt sie den gesamten Drüsenkörper und lässt nur einen dünnen Hautmantel übrig. Auch eine plastische Chirurgin ist zur Stelle. Gemeinsam setzen sie Klein eine Art Platzhalter aus Kunststoff ein, um die Brust später wiederherstellen zu können.
Bis Weihnachten muss Klein das betroffene Gewebe bestrahlen lassen. Danach geht es in die Reha. Der Körper soll sich etwas erholen, bevor die Brust wieder aufgebaut wird.
Aufwendige OP – ist es das wert?
Die plastische Chirurgin, die Mira Kleins Brust wiederherstellt, heisst Doris Babst. Sie ist Leitende Ärztin in der Praxis der Plastic Surgery Group in Zürich, die sich im selben Gebäude befindet wie das Brustzentrum. Klein hat sich für eine Rekonstruktion mit Eigengewebe entschieden. Das verspricht ein natürlicheres Ergebnis als mit Silikon, doch der Eingriff ist chirurgisch anspruchsvoll.
Im August 2023, eineinhalb Jahre nach der Diagnose, entnimmt Babst ein grosses Stück Haut mit Unterhautfettgewebe aus Kleins Bauch, inklusive Arterie und Vene. Daraus wird die neue Brust geformt. Die Arterie und Vene werden mit dem Mikroskop an die Blutgefässe neben dem Brustbein angenäht.
Mit dem Ergebnis ist Mira Klein zufrieden. Doch die Narbe am Bauch macht ihr zunächst zu schaffen: «Die ersten zwei Wochen nach der OP konnte ich kaum stehen.»
Ist es das wert, wenn der Eingriff doch medizinisch gar nicht notwendig ist? Klein überlegt. «Ich glaube, ja. Es geht mir darum, was ich im Spiegel sehe – nicht primär um die Blicke in der Badi.» Im Herbst wird sie sich einer weiteren Operation unterziehen, um die beiden Brüste einander anzugleichen und eine Brustwarze zu korrigieren.
Während Kleins Brustwarze gerettet werden konnte, ist dies bei anderen Patientinnen nicht möglich. In diesen Fällen kann die Brustwarze ebenfalls rekonstruiert werden. Auf Wunsch sticht eine medizinische Tätowiererin mit Braun- und Rottönen eine neue Brustwarze, die der echten möglichst ähnlich sieht.
Doris Babst sagt, noch vor 25 Jahren habe man eine Brust, die stark von Krebs befallen war, in der Regel komplett entfernt. «Dass man heute den Hautmantel meist erhalten kann, die Brust mit körpereigenem Gewebe rekonstruieren kann und auch die Möglichkeit eines Brustwarzen-Tattoos hat, ist für die betroffenen Frauen viel wert.»
Das Positive sehen
Mira Klein sagt, ihr Körper fühle sich heute nicht mehr an wie früher. «Und doch geht es mir im Moment richtig gut.»
Dass sie heute das Positive sehen könne, habe sie auch einer Psychotherapeutin zu verdanken, die sie während der Reha nach der Bestrahlung getroffen habe. «Es war ein totaler Match.» Bis heute sehen sie sich alle sechs Wochen. «Sie hat mich gelehrt, vom Negativen wegzufokussieren und wieder zu sehen, was gut läuft.»
Psychoonkologie – also die psychologische Betreuung von Krebspatientinnen – wird heute an sämtlichen zertifizierten Brustzentren in der Schweiz angeboten. Klein sagt, für sie sei es viel wert gewesen, alle Fachpersonen unter einem Dach zu haben. «Generell würde ich jeder Patientin empfehlen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.»
In ihrem Fall kamen, wie eingangs erwähnt, mehrere Krisen zusammen. Kurz nach der Diagnose endete die Beziehung mit ihrer Ehefrau. «Das war brutal», sagt Klein. «Aber ich bin dankbar, dass sie mir während der Behandlung beistand, wenn auch als Freundin und nicht mehr als Lebenspartnerin.»
Ihren Job im Gesundheitsbereich verlor Klein Tage vor der Brustamputation. Der Arbeitgeber habe wohl nicht daran geglaubt, dass sie jemals wieder voll zurückkehren werde, mutmasst Klein. Belegen könne sie dies allerdings nicht.
Intimität zulassen
Ärztin Constanze Elfgen sagt, für viele Frauen sei es schwierig, dass man ihnen die Krankheit in einem frühen Stadium nicht ansehe. Die meisten fühlten sich bis zur Diagnose gesund. «Umso grösser ist der Schock, wenn man weiss, dass da ein potenziell tödlicher Krebs ist. Dies erschüttert das Vertrauen in den eigenen Körper und ins Leben extrem.»
Die Gesellschaft nehme häufig wenig Rücksicht auf die Betroffenen, kritisiert Elfgen. Als Mutter, Mitarbeiterin und Partnerin müssten Frauen einem hohen Ideal entsprechen. «Für die Krankheit ist da oft gar kein Platz.» Sie stelle häufig fest, dass sich die Betroffenen während der medizinischen Behandlung wie in einem Tunnel fühlten. Die grosse Krise komme danach. «Zum Glück ist man heute für die Problematik sensibilisiert und kann den Frauen Hilfe anbieten.»
Mira Klein hatte während Behandlung immer wieder Phasen, in denen sie das Gefühl hatte, in ein Loch zu fallen. Geholfen habe ihr in dieser Zeit auch der Sport. «Wenn immer es körperlich möglich war, habe ich versucht, mich zu bewegen.»
Beruflich ist Klein seit kurzem in einem Wiedereingliederungsprogramm. Auch eine neue Liebe hat sie gefunden. Es sei zwar ungewohnt, wieder Intimität zuzulassen, mit diesem neuen Bauch, der neuen Brust. «Aber irgendwie habe ich durch die ganze Geschichte auch gelernt, das Schöne noch mehr zuzulassen.» Das Universum, sagt Klein, meine es eigentlich ganz gut mit ihr.
Redaktioneller Artikel im Tagesanzeiger.ch, von Jacqueline Büchi.


