Brustkrebs: Warum Vorsorge in jedem Alter wichtig ist

Experten und epidemiologische Daten erinnern daran, dass Brustkrebs sowohl nach dem 69. Lebensjahr als auch vor dem 50. Lebensjahr auftreten kann – Altersgrenzen, die im Tessin den Zugang zum kantonalen Mammographie Screening Programm bestimmen.
20/05/2026

Artikel von Migros Magazin – 13 Mai 2026

«Als ich 69 wurde, erhielt ich den Brief, der mir das Ende des kantonalen Mammographie Screening Programms mitteilte. Eigentlich stand dort auch, dass mir die Möglichkeit angeboten werde, die Kontrollen fortzusetzen, falls ich das möchte. Aber in diesem Moment dachte ich: “Gut, wenn man mir die Wahl lässt, bedeutet das wohl, dass das Risiko vorbei ist.” Niemand erklärte mir wirklich, dass ich die Untersuchungen trotzdem weiterführen sollte oder wie wichtig das wäre. Mit der Zeit hörte ich deshalb auch auf, zur Gynäkologin zu gehen. Ich fühlte mich gut, hatte keine Beschwerden und sah keinen Grund für weitere Kontrollen. Dann spürte ich eines Tages einen Knoten. Zuerst ignorierte ich ihn, vielleicht aus Angst. Als ich mich schliesslich entschloss, mit meinem Arzt darüber zu sprechen, war der Tumor bereits ziemlich gross. Am meisten schockierte mich die Erkenntnis, dass das Risiko in meinem Alter keineswegs vorbei war. Im Gegenteil. Hätte mir das jemand klar erklärt, hätte ich mich wahrscheinlich weiterhin regelmässig untersuchen lassen. Heute sage ich mir: Information ist entscheidend, und ein Brief allein reicht nicht aus. Man muss den Menschen verständlich machen, dass Vorsorge kein Ablaufdatum hat.»

Maria (Name der Redaktion bekannt) ist 75 Jahre alt und schildert eindrücklich ihren Weg nach dem Ende des kantonalen Mammographie Screening Programms, einer Initiative des öffentlichen Gesundheitswesens, die Frauen zwischen 50 und 69 Jahren regelmässig zu einer Mammographie alle zwei Jahre einlädt – mit gedeckten Kosten und standardisierten Abläufen.

«Vorsorge hat kein Ablaufdatum»

Das Screening Programm, koordiniert von Swiss Cancer Screening und basierend auf den Richtlinien des Bundesamtes für Gesundheit, zielt auf die Früherkennung ab, um weniger invasive Behandlungen, bessere Heilungschancen und eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen. Doch Marias Geschichte zeigt, dass das Risiko für Brustkrebs nicht mit dem 70. Geburtstag endet.

Der von uns befragte Dr. Damir De Monaco, Brustchirurg bei Affidea brustCare Ticino (Centro Seno Ticino) in Sorengo, betont, dass die Früherkennung von Brustkrebs «eine kontinuierliche Aufgabe sein muss, um eine vereinfachte Sichtweise des Problems zu vermeiden». Er präzisiert zudem, dass man nicht von Prävention, sondern von Früherkennung sprechen sollte: «Prävention betrifft vielmehr die Förderung eines gesunden Lebensstils, etwa nicht zu rauchen, Alkohol nur in Massen zu konsumieren und sich regelmässig körperlich zu betätigen. Mammographien und Brustuntersuchungen gehören hingegen zur Früherkennung, weil sie einen möglichen Tumor in einem frühen Stadium entdecken können, seine Entstehung jedoch nicht verhindern.»

De Monaco unterstreicht, wie wichtig diese Unterscheidung ist, um Missverständnisse zu vermeiden: «Aus Erfahrung sehe ich, dass viele Frauen noch immer glauben, regelmässige Kontrollen könnten die Entstehung der Krankheit verhindern.»

Nicht selten reagieren Patientinnen überrascht mit Aussagen wie: «Aber ich habe doch immer alle Kontrollen gemacht, warum habe ich trotzdem Krebs bekommen?» Dies zeigt, wie verbreitet dieses Missverständnis weiterhin ist.

Screening Programme und Altersgrenzen

Zu den kantonalen Screening Programmen erklärt De Monaco: «Sie basieren auf Kosten Nutzen Kriterien und konzentrieren sich auf die Altersgruppe zwischen 50 und 69 Jahren, in der rund 45 Prozent aller Brustkrebsfälle auftreten. Dadurch wird eine höhere diagnostische Wirksamkeit erreicht.»

Gleichzeitig betont er jedoch, dass die Aufmerksamkeit in jedem Alter hoch bleiben müsse, da das Risiko auch ausserhalb dieser Altersgruppen bestehen bleibe: «Etwa 38 Prozent der Brustkrebserkrankungen betreffen Frauen über 70 Jahre, während weitere 17 Prozent Frauen unter 50 Jahren betreffen, die noch keinen Zugang zum Screening Programm haben.»

Diese epidemiologischen Daten, bestätigt von der Krebsliga Schweiz, zeigen deutlich, dass der Ausschluss bestimmter Altersgruppen aus dem Screening nicht bedeutet, dass kein Risiko besteht.

Für Frauen unter 50 Jahren gibt es zudem aktuelle Entwicklungen: Die Schweizerische Gesellschaft für Radiologie, die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie die Schweizerische Gesellschaft für Senologie empfehlen inzwischen, das Alter für Mammographie Screening von 50 auf 45 Jahre zu senken. Hintergrund sind die steigenden Fallzahlen bei jüngeren Frauen sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Eine frühere Teilnahme könnte die Sterblichkeit um bis zu 25 Prozent senken, die Überlebenschancen verbessern und die Kosten fortgeschrittener Therapien reduzieren.

Wie Maria berichtet, erhalten Frauen im Kanton Tessin mit 69 Jahren ein offizielles Schreiben, das das Ende des Mammographie Screening Programms ankündigt. Es besteht jedoch weiterhin die Möglichkeit, die Untersuchungen freiwillig und individuell fortzusetzen – oft sogar mit Kostenübernahme.

«Es handelt sich um einen sensiblen Übergang, der eine bewusste Entscheidung erfordert und nicht immer durch ausreichend klare und vollständige Informationen begleitet wird», erklärt Dr. De Monaco. Dabei betont er nochmals den zentralen Gedanken: «Gesundheit darf nicht ausschliesslich auf Zahlen oder wirtschaftliche Überlegungen reduziert werden.»

Die Informationslücke bei älteren Frauen

De Monaco weist ausserdem darauf hin, dass auch die Kommunikation an die jeweilige Zielgruppe angepasst werden müsse: «Soziale Medien sind wirksam, um jüngere Altersgruppen zu erreichen, bei Frauen über 70 Jahren jedoch deutlich weniger effektiv, da viele diese Kanäle kaum oder gar nicht nutzen. Gerade diese Frauen gehören aber zu denjenigen, die Gefahr laufen, von wichtigen Informationen ausgeschlossen zu werden.»

Der Spezialist beobachtet zudem, dass viele Frauen über 70 ihre medizinischen Kontrollen reduzieren oder ganz einstellen, weil sie glauben, diese nicht mehr zu benötigen: «Gynäkologische Untersuchungen werden seltener oder hören ganz auf, häufig weil die Frauen denken, sie seien aufgrund eines weniger aktiven oder nicht mehr vorhandenen Sexuallebens nicht mehr notwendig. Arzt oder Gynäkologinnen werden oft erst bei konkreten Symptomen aufgesucht. Dadurch entsteht eine echte Grauzone, in der eine weiterhin gefährdete Bevölkerungsgruppe weniger begleitet wird. Die Folge sind spätere Diagnosen und häufig fortgeschrittenere Tumore, die komplexere Therapien, geringere Möglichkeiten für brusterhaltende Eingriffe, weniger zufriedenstellende ästhetische Ergebnisse und insgesamt belastendere Behandlungen mit sich bringen.»

Auch jüngere Frauen sind betroffen

Auch Frauen unter 50 Jahren sind nicht frei von Risiko: «Wenn rund 38 Prozent der Brustkrebsfälle Frauen über 70 betreffen, darf man nicht vergessen, dass weitere 17 Prozent Frauen unter 50 betreffen.»

Diese Zahlen zeigen, dass auch jüngere Frauen trotz geringerem Risiko erkranken können. Glücklicherweise profitieren jüngere Frauen laut De Monaco indirekt von häufigeren gynäkologischen Kontrollen, bei denen auch die Brust untersucht wird. Er weist zudem nochmals auf ein verbreitetes Missverständnis hin: «Das Ende des Screening Programms bedeutet nicht, dass das Risiko vorbei ist. Dass keine systematischen Einladungen mehr verschickt werden, heisst nicht, dass das Risiko sinkt.» Deshalb brauche es alternative Sensibilisierungsstrategien, die auch weniger vernetzte oder isolierte Menschen erreichen: «Über Brustkrebs Früherkennung zu sprechen erfordert einen umfassenden und inklusiven Blick, der keine Altersgruppe ausschliesst. Statistiken können Entscheidungen leiten, aber für jede einzelne Person bleibt das Risiko real.»

Sein Fazit: «Früherkennung muss eine kontinuierliche, gemeinsame und für alle zugängliche Aufgabe sein, denn Gesundheit lässt sich nicht wirklich in Zahlen fassen.»

Petition fordert Screening Programme in allen Kantonen

Die Petition von Soroptimist International Switzerland im Rahmen des Projekts «Emozioni in Rosa» 2025 bis 2026 fordert einen gerechten und kostenlosen Zugang zur Brustkrebs Früherkennung in allen Schweizer Kantonen.

Heute bietet fast die Hälfte der Kantone noch kein kostenloses öffentliches Mammographie Screening Programm an. Dort, wo solche Programme existieren, können jedes Jahr zahlreiche Tumore entdeckt werden, bevor Symptome auftreten. Dadurch steigen die Heilungschancen erheblich.

Die Petition betont, dass der Zugang zur Früherkennung nicht nur eine Frage der öffentlichen Gesundheit, sondern ein grundlegendes Recht aller Frauen ist. Unterschiede zwischen den Kantonen führen zu Ungleichheiten bei den Chancen, die Krankheit frühzeitig zu erkennen.

Mit dieser Initiative möchten Soroptimistinnen und Unterstützerinnen Gesellschaft und Institutionen dazu bewegen, kostenlose Früherkennungs Programme in der ganzen Schweiz auszubauen – denn Brustkrebs früh zu erkennen kann Leben retten.

Weitere Informationen unter: swiss-soroptimist.ch

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